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Baugeschichte von Schloß Gomaringen
Kolb, G.;
Quelle: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 1999
ISSN: 0342-0027;
Standort in der IRB-Bibliothek: DEIRB Z 1265;
Schlagwörter zum Inhalt:
Schloß
Burg
Fachwerkgebäude
Zierfachwerk
Farbfassung
Mittelalter
Pfarrhaus


Schloß Gomaringen blickt auf eine über 700 Jahre alte Baugeschichte vom Mittelalter bis ins 19. Jh. zurück.

Mittelalter:
Die ältesten Teile des ehemaligen Niederadelssitz stammen spätestens aus dem frühen 13. Jh. Es handelt sich um die mächtige Ringmauer, die über einem bergseitig eingetieften Graben das trapezförige Areal des inneren Schloßhofes umgibt und den nur noch in seinen Grundmauern erhaltenen Bergfried. Auf diese stauferzeitliche Bauphase deuten die an den talseitigen Ecken der Ringmauer erhaltenen Buckelquader mit ihren später abgearbeiteten Buckeln hin. Auch an den Wirtschaftgebäuden des Vorhofes wurden solche Buckelquader sekundär vermauert. Bewohnt wurde die Burg damals von einer niederadeligen Familie, die sich nach dem Ort Gomaringen nannte und im Dienst der Grafen von Achalm sowie der Pfalzgrafen von Tübingen stand.
Der älteste Kernbau des Schloßgebäudes stammt von 1307 (dendrochronologisch datiert). Es handelt sich um ein dreigeschossiges Fachwerkgebäude in der Südostecke der Ringmauer mit einer weiten Vorkragung über die Mauerkrone. Vor allem in den beiden unteren Geschossen blieben die stockwerksübergreifenden Bundständer mit ihren Aussteifungen, die Balkendecken und Dielungen der Eichenholzkonstruktion erhalten. Dadurch läßt sich sogar die ursprüngliche Grundrißgliederung sicher rekonstruieren. Im OG befand sich eine heizbare Eckstube. Den gehobenen Wohnkompfort belegt auch eine teppichartige Rankenmalerei mit gegenständigen Papageien aus der Mitte des 14. Jh. in einer der Fensternischen.
Eine Raumteilung aus Standbohlen wurde rund 100 Jahre später durch eine Fachwerkwand ersetzt. Zu dieser Bauphase gehört auch eine erhaltene Wendebohlentür. Außerdem mußten bereits zahlreiche Balken der Stockwerksauskragung repariert werden.

Spätmittelalter und Renaissance:
1499 gelangte Gomaringen in den Besitz der Reichsstadt Reutlingen. Daraufhin baute man um 1500 das Schloß als Amtssitz der Reutlinger Vögte aus. Es entstand das westliche Drittel des Südflügels als zweigeschossiger Anbau mit einer offenen Halle im EG und einem Mittelflur mit beidseitigen Kammern im 1. OG. In reichen Renaissanceformen kam 1548 der Brunnenstock im Schloßhof hinzu. Auftraggeber war der Vogt Michael Klewer, ausführender Steinmetz Hans Huber aus Reutlingen.
1590 ließ der Vogt Nikolaus Staud die Anlage entscheidend umbauen: Der Ostflügel entstand und der mittelalterliche Teil des Südflügels wurde umgestaltet und aufgestockt. Der Ostflügel wurde als dreigeschossiges Fachwerkgebäude mit Mittelstützen, die über zwei Geschosse reichen, zwischen der mittelalterlichen Wehrmauer und dem Bergfried eingefügt. Die Fassaden prägten reiches Zierfachwerk mit Zierknaggen, Feuerböcken und Fächerrosetten. Erhalten blieb es lediglich an Teilen der Ostfassade. Im Südflügel benutzte man Zierhölzer bei einem Umbau in späterer Zeit zum Verschluß einer ehemaligen Fensteröffnung. Hier haben sich Hinweise auf die Farbfassung dieser Bauphase erhalten: die Balken waren grauschwarz gestrichen und mit Begleitstrichmalereien abgesetzt. Der neue Südflügel besaß einen über die geamte Gebäudebreite reichenden Flur im OG.
Durch die Baumaßnahmen von 1590 entstand der einheitliche winkelförmige Baukörper des Schlosses mit einem gemeinsamen Dach. Von der heutigen Anlage unterschied sich der Baukomplex durch die Existenz des Bergfrieds und durch den niedrigeren Gebäudeteil am Westende des Schloß- Südflügels.

Veränderungen nach dem 30-jährigen Krieg:
Am Ende des 30-jährigen Krieges verkaufte die Reichstadt Reutlingen die Herrschaft Gomaringen an Württemberg. Nun bewohnten die Vögte des Herzogs von Württemberg das Schloß. Größere Baumaßnahmen fanden nicht statt. 1661 wurde ein Keller unter dem hochmittelalterlichen Teil des Südflügels abgetieft.1697 wurde das aufgehende Mauerwerk des Bergfrieds abgebrochen. Das Steinmaterial wurde zum Bau von Wirtschaftsgebäuden im Vorhof verwendet. Im Zusammenhang mit dem Abbruch waren jedoch auch größere Reparaturmaßnahmen notwendig, war der Ostflügel doch an den Bergfried angebaut gewesen und besaß in diesem Bereich keine eigene Außenwand. Das vorhandene Fachwerk stammt aus einer nochmals späteren Bauphase im 19. Jh. Es sitzt jedoch auf dem Großquadermauerwerk des ehemaligen Bergfrieds auf.
In den Jahren 1708-1712 war Christiane von Grävenitz, die Mätresse Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, im Besitz von Schloß Gomaringen, ließ jedoch keine Umbauten durchführen. Umfangreiche Baumaßnahmen fanden nochmals zwischen 1731-1739 statt: Das Fachwerk der beiden Hoffassaden des Schlosses wurde über dem massivem EG komplett erneuert. Es handelt sich um ein Sichtfachwerk mit K-Streben, das vermutlich erst Ende des 18. Jh. verputzt wurde. Weiterhin entstand die Außentreppe in ihrer heutigen Form. Der westliche Teil des Südflügels wurde mit einem Saal im 2. OG aufgestockt. Die Saaldecke hängte man an einer interessanten Konstruktion im Dachstuhl auf. Schließlich walmte man die Dächer des Schlosses an den Enden beider Flügel ab. Mit diesen Umbauten war im wesentlichen die heutige Außenerscheinung erreicht.
Die Raumaufteilung des 18. Jh. bestand aus Nebenräumen und Ställen im EG, aus der Wohnung des Vogtes und seiner Familie im 1. OG - hier wurden neben der großen Eckstube durch zusätzliche Kamine weitere Kammern heizbar gemacht - sowie aus Amts- und Verwaltungsräumen im 2. OG. Zu letzteren gehörte der neue Saal, der für Sitzungen des Vogtsgerichts und der dörflichen Gemeindevertretung diente. Das Dach wurde als Lagerraum und Kornboden genutzt.
1771 ersetzte man die Holzbrücke über den Schloßgraben durch eine steinerne Bogenbrücke. Grundrißpläne aus dem Jahr 1793 belegen, daß man zwischenzeitlich große, regelmäßig angeordnete Fenster in die Fachwerkfassaden eingebrochen hatte. Gleichzeitig verputzte man das ehemalige Sichtfachwerk. Vermutlich wurden damals auch die Wehrgänge auf der Ringmauer aufgegeben.
1803 wurde der Keller nochmals abgetieft und eingewölbt. Dabei mußte man die Mittelstützen des 14. Jh. verlängern und unterfangen. Die Schloßgärten am Wiesazhang wurden durch den letzten Gomaringer Vogt in einen Nutzgarten nach Prinzipien der Aufklärung verwandelt.
1812 kaufte die Gemeinde das Schloß nach der Auflösung des Vogteiamtes Gomaringen und der Eingliederung in das Oberamt Reutlingen. Die geplante Nutzung als Schule und Rathaus kam nicht zustande. Stattdessen wurde das Schloß ab 1813 für 180 Jahre zum Pfarrhaus von Gomaringen. Prominentester Amtsinhaber war zwischen 1837-1841 der Ortspfarrer und Dichter Gustav Schwab, der in Gomaringen seine wichtigsten Bücher schrieb. In dieser Zeit entstand das "Geisterstiegle" als kürzester Weg zur Kirche. 1820 wurde im Norden des Schloßhofes eine Pfarrscheune errichtet, zur Lagerung der größtenteils aus Naturalabgaben bestehenden Besoldung der Pfarrer. Auch im Inneren des Schlosses fanden Umbauten statt. Von Bedeutung ist vor allem eine erhaltene biedermeierzeitliche Farbfassung mit einer grüngrauen Marmorierung. Um das Jahr 1900 erhielten viele Räume einfache Stuckdecken aus Profilleisten. (ak)


Grundriß mit Bauperioden der Schloßanlage





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