von Kaenel, H. M.; Wenzel, C.;
Quelle: Denkmalpflege in Hessen, 2000
ISSN: 0935-8307;
Standort in der IRB-Bibliothek: DEIRB Z 1742;
Einleitung:
Im Vorfeld der Bebauung des Areals des ehemaligen Kastellvicus wurden 1997 und 1998-1999 Grabungen sowie 1997-1999 eine geophysikalische Prospektion durchgeführt. Diese geophysikalische Prospektion schien am besten dazu geeignet, die Binnenstruktur des Kastellvicus zu rekonstruieren.
Prospektion und Grabungen:
Es wurden mehr als 9 ha geomagnetisch und weitere 2,3 ha geoelektrisch gemessen. Insbesondere die Ergebnisse der Geomagnetik erwiesen sich als aussagekräftig: Zahlreiche Anomalien kennzeichnen das Zentrum der Siedlung im Vorfeld des Militärlagers, das an dem Lagergraben zu erkennen ist. Unmittelbar vor dem südwestlichen Tor gibt es einen befundfreien Bereich, der als Platzanlage zu deuten ist. Das Ausdünnen der Befunde im Westen und Süden sowie ein kleiner Graben im im Nordwesten markieren die Grenzen der Ansiedlung. Die beiden parallel verlaufenden Straßen können durch die sie begleitenden Gräben über große Strecken verfolgt werden. Südlich des Lagers fluchtet eine weitere Straße auf die dortige Kastellecke. Auf ihrer Südseite weisen größere Anomalien auf Keller von Streifenhäuser hin. Die Straße kreuzt sich mit einer der beiden Verkehrsachsen.
Auf der Grundlage der Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion konnte die Auswahl von Flächen für die Grabung erfolgen, durch die es die vorkastellzeitliche Bebauung des Areals und die innere Struktur der kastell- und nachkastellzeitlichen Anlagen zu klären galt. Dazu wurden in Ergänzung zu einer anderen Grabung in zwei Kampagnen und bereits parallel zu ersten Baumaßnahmen 17 Flächen im Umfang von ca. 1.720 qm untersucht. Ferner wurden die Befunde des Aushubs von über 30 Baugruben dokumentiert. Nach den hierdurch gewonnenen Erkenntnissen stellt sich die Geschichte der Anlage wiefolgt dar:
Abfolge der Baulichkeiten:
Die erste Anlage, für die eine vorflavische Zeitstellung möglich ist, bestand aus einem Militärlager mit Spitzgraben. Dessen westliche Front hatte eine Länge von über 160 m. Der Graben wird von den Strukturen des Vicus überlagert.
Im Kernbereich der Siedlung verdichtet sich die Bebauung zwischen den erwähnten parallelen Straßen. Die Hauptverkehrsachse bildete die Fernstraße zur Provinzhauptstadt, die vermutlich durch eine kurze Stichstraße mit einer der Lagerhauptstraßen verbunden war. Eine weitere Vicusstraße, die auf die südöstliche Ecke des Militärlagers fluchtet, wurde erst nach der Räumung des Kastells angelegt. Der Kastellvicus entspricht somit dem Siedlungsschema Tangentialtyp.
Die Siedlung dehnte sich ab flavischer Zeit vor allem nach Westen aus und reichte im Süden schließlich bis an das alte Neckarbett, im Norden markiert ein flacher Sohlgraben aus der Mitte des 2. Jh. die Begrenzungslinie. Mit der zivilen Erschließung des Kastellareals um die Mitte des 2. Jh. erfolgte eine bemerkenswerte Veränderung des Siedlungsbildes, wobei die ursprüngliche Parzellierung im 2. und 3. Jh. im wesentlichen beibehalten wurde. Die Gebäude der Steinbauphase folgten den Baufluchten der Holzbauten.
Einzelne Baugruppen:
Im Bereich des Mithräums wurden noch sechs Brunnen aus dem 2.- 4. Jh. festgestellt, im nordwestlichen Bereich des Areals konnten weitere sieben Brandgräber und ein Körpergrab des 2. Jh. aufgedeckt werden.
Bei den aus der Gründungsphase des Vicus stammenden Baustrukturen vor dem südwestlichen Lagertor konnten zwei Holzbauten, deren einer als Speicher zu identifizieren ist, und zwei kleine Backöfen sicher gefaßt werden. An Stelle dieser Holzbauten entstand vermutlich Ende des 1. Jh. eine freie Platzanlage.
Etwa 50 m südlich davon befand sich ein im 2. Jh. errichtetes Gebäude mit Steinfundamenten und vorgelagertem Abwasserkanal, bei dem es sich wohl um eine Herberge mit Bad handelte. In zwei Räumen, die untersucht werden konnten, fanden sich Reste eines Estrichbodens und ein kleiner Backofen. Diese Befunde lassen vermuten, daß der Ausbau der Siedlung zu einem Zentrum mit regionaler Bedeutung schon um 100 begann.
Die ökonomischen Grundlagen der Siedlung müssen infolge des Nachweises von bislang sieben Töpferöfen an der südlichen und westlichen Peripherie neu überdacht werden. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand ist mit einer Blütezeit der Töpfereien während des Bestehens des Militärlagers zu rechnen, so daß hier ein weiteres Beispiel für die Symbiose zwischen den Vicani und "ihrer" Truppe vorliegen könnte.
Weitere Funde:
Die Produktion der Töpfereien umfaßt feinkeramische Becher, Gesichtsurnen, Krüge, Töpfe, Näpfe und Deckel. Spinnwirteln und Eisenschlacken geben weitere Hinweise auf Güterproduktion, die Tierhaltung ist durch entsprechende Knochenfunde belegt. Aus dem 4. Jh. stammen Fragmente handgeformter alamannischer Keramik.
In unmittelbarer Nähe der Herberge wurden zwei bemerkenswerte Einzelfunde gemacht, ein Bleitäfelchen mit Kursivinschrift sowie Teile eines Militärdiploms. Das Fragment, etwa ein Viertel der beiden ursprünglichen Bronzetafeln, dürfte in flavischer Zeit ausgestellt worden sein.
Ausblick:
Die Auswertung von Befunden sowie im Gang befindliche (u.a. Auswertung von Tannenhölzern aus Faßbrunnen) bzw. geplante interdisziplinäre Forschungsprojekte versprechen eine weitere Differenzierung des bislang gewonnenen Bildes. (han)
Grabungen im Kastellvicus von Groß-Gerau
Fakten-Nr.: 2001067108077 Schlagzeile: Beteiligte an den Untersuchungen des Kastellvicus von Groß-Gerau Faktentext: Grabung 1989-1992: Außenstelle Darmstadt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Abt. Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege Ausgrabung 1997: Saalburgmuseum, unter Leitung von E. Schallmayer und H. Lüdemann Ausgrabungen 1998-1999: Seminar für Griechische und Römische Geschichte der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt, unter Leitung von Hans Markus von ...
Geophysikalische Prospektion und Grabungen im Kastellvicus von Groß-Gerau
Fakten-Nr.: 2001067108076 Schlagzeile: Geophysikalische Prospektion und Grabungen im Kastellvicus von Groß-Gerau Faktentext: Einleitung: Im Vorfeld der Bebauung des Areals des ehemaligen Kastellvicus wurden 1997 und 1998-1999 Grabungen sowie 1997-1999 eine geophysikalische Prospektion durchgeführt. Auf der Grundlage der Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion konnte die Auswahl von Flächen für die Grabung erfolgen, durch die es die vorkastellzeitliche Bebauung des Areals und die innere ...
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